Bin ich verrückt oder ist alles normal?

April 19, 2010 at 18:06 Leave a comment

Zum Abschluss der Studienreise halte ich mich diese Woche in Lusaka, der Hauptstadt von Sambia, auf. Mir fällt hier nichts mehr Besonderes auf. Hab ich mich schon zu sehr an Afrika gewöhnt oder ist es hier einfach so wie woanders in der Welt? Das Statistische Amt ist obrigkeitszentriert wie jede x-beliebige Behörde. Auch eine Fahne Alkoholgenuss kommt mir bei der Antwort auf eine Nachfrage entgegen. Mein Ansprechpartner bei der Electoral Commission schwärmt von Amarula und meint, einmal habe er gleich zwei Flaschen getrunken, das sei zu viel gewesen, aber er liebe es jeden Abend. Die Parteien verhalten sich wie Diven (so wie in Mosambik), aber telefonieren mir letztlich hinterher, um doch noch einen Termin wahrzunehmen (entgegen Mosambik). Der Italiener ist recht gut und ich habe nach einer langen Fastenzeit eine Pizza gegessen. Indische Restaurants sind an jeder Ecke zu finden. Bereits zum zweiten Mal esse ich traditionell afrikanisch mit den Händen. In Lilongwe habe ich auf dem Markt Spinat und gegrilltes Hühnchen bekommen, wo selbst Einheimische nicht hingehen und dieses Mal wurde ich von der NGO eingeladen, ebenfalls kaum gewürzte Speisen mit den Fingern zu essen. Dabei steigt in mir jedes Mal ein unsauberes Gefühl auf, obwohl ich mir vorher übergründlich die Hände mit Seife wasche. Zu tief eingeprägt sind die mustergültigen Fernsehbilder afrikanischer und indischer Straßenkinder aus dem wöchentlichen ARD-Weltspiegel, unter die Haut kriechende Böhm-Dokumentationen bei „Wetten, dass…?“ und europäischer Habitus, den ich nicht missen möchte.

Golden Student on Campus

Meine Sitznachbarn im Flieger Lilongwe-Johannesburg-Lusaka  sind ein indisch stämmiges geschäftsreisendes Ehepaar, die mir ihre kleinen Köstlichkeiten anbieten, bevor es das Fliegeressen gibt. Die afrikanischen Inder haben ein gut funktionierendes Netzwerk in Afrika und Übersee. Sie erzählen mir, dass ihre Familie in der ganzen Welt – London, Johannesburg, irgendwo in den USA, Lilongwe – verteilt ist, weil man Angst hatte, dass mit der Demokratie in Malawi alles schlechter – korrupter – wird. Er hat in England studiert und seine Cousine geheiratet. Beide sind auf dem Weg, um für ihr Handelsgeschäft neue Waren in Südafrika einzukaufen. Der Handelsweg von Deutschland allerdings läuft über die Vereinigten Emirate. Das sei günstiger und schneller.

Independence Road

Korruption ist ein Thema bei Radio 89.5FM Lusaka und der Experte kann nicht so richtig formulieren, was eine allgemeingültige Definition wäre. Die FES (Friedrich Ebert Stiftung) hat dafür bei Wikipedia nachgeschlagen und es in einer Broschüre abgedruckt. Der Experte im Radio ist so schwammig, dass bei meinem Mitfahrer von der FODEP (ein Förderverein der Demokratie) selbst Wahlkampfversprechen über öffentliche Investitionen als Korruption wahrgenommen werden. Ein Hoch auf deutsche Parteien! Was im Englischen ein Gentlemen-Agreement ist, wird in Lusaka als Black-Mailing bezeichnet. Klartext: “Wenn ich Dir was verspreche, dann wählst Du mich und danach kommen wir schon ins Geschäft, gel Amigo!” Kein Wunder dass die Straßen eine zum Teil sehr schlechte Qualität haben und sie die Hügel mit dem Regenwasser herabrutschen. Irgendwo muss man sparen, um die Kickbacks bezahlen zu können.

Sunset over Shopping Mall

Mein Vermieter, ein Investmentbanker für international doniertes Geld, wurde als Sachverständiger geladen, als es darum ging, den ehemaligen Präsidenten Chiluba wegen Korruption und Veruntreuung zu verurteilen. Chiluba wird in diesen Tagen wieder hoffähig gemacht, nachdem er einst aus dem Amt geworfen wurde. Man glaubt mit der Übernahme seiner Person und Partei, Stimmen im Lager der alten Kader bei nächsten Wahl 2011 abzufischen. Dies ist die Reaktion auf die gefährliche Allianz im Oppositionslager und hoffentlich sieht sich niemanden dazu veranlasst, undemokratische Mittel gegen Koalitionen einzusetzen.

Cactus

Die Gegend meiner Unterkunft ist modern und gutbürgerlich. Die Vorstadthäuser sind mit vielen Flachbildschirmen, einer neuen luxuriösen Küchen, unzähligen Angestellten, Swimmingpools und was sonst noch das Leben angenehm macht, ausgestattet. Die Töchter allerdings werden weit verbannt aus diesem heilen Reich, wenn sie nach einer wilden Nacht ungewollt schwanger werden und ihr “Freund” mit einer anderen Frau vorliebnimmt. Dass eine junge Mutter jetzt kompromissbereit bei ihrer Tante lebt und nicht mehr unter den traditionellen Behandlungen durch ihre Eltern leiden muss, ist ein Verdienst des intervenierenden Pfarrers.

Shop

In Lusaka treffe ich zufällig einen Engländer wieder, den ich in Lilongwe kennengelernt habe. Er war mit sechzig weiteren Radlern von “Cairo bis Cape Town in 120 Tagen” unterwegs. Allerdings musste er seine 12.000 km Reise aufgrund eines schlimmen Unfalls abbrechen. Die Gruppe könnte auf Abifahrt sein: Ein us-amerikanischer Lehrer hat seinen Job an den Nagel gehängt und einige Schulabsolventen nutzen die Zeit bis zum Studienbeginn. Ein deutscher Lehrer samt Familie hat gleich für zwei Jahre eine Auszeit genommen, nachdem er an der deutschen Schule in Kairo gearbeitet hat. Sie sind mit einer Art Super-Jeep unterwegs und treffen den Rest ihrer Deutsch-Französischen Familie auf Mauritius. Allerdings will er wieder zurück in seinen Job, evtl. an der deutschen Schule in Pretoria.

Ice Cream Bike

Unterwegs am Flughafen erzählt mir ein anderer Geschäftsmann von der minutiösen Plantage südafrikanischer Früchte. In Südafrika weiß man weit vor der Ernte vorherzusagen, wie viele Früchte der Avokadobaum tragen wird, welchen Nährstoffgehalt die Avokados haben und wann genau die Mango geerntet werden muss. Mithin wird kräftigt gespritzt, damit überhaupt eine Mango entsteht, denn der Boden in Südafrika sei für sie eigentlich nicht geschaffen. Der Reifeprozess einer Bananenstaude wird durch Wachs und eine Plastiktüte für den Transport verzögert. Die Früchte bleiben kaum im eigenen Land. Sie sind vornehmlich für den Export nach Übersee bestimmt. Wie ist diese Genauigkeit möglich, wo doch sonst alles round about oder now now zeitlich unscharf angedeutet wird. Genetical Engineering wird in Südafrika schon lange betrieben und bei weltweit verknappenden Agrarresourcen und einer wachsenden Weltbevölkerung scheint fast kein anderer Weg möglich zu sein. Es bleibt zu hoffen, dass ein paar schlaue Menschen sich damit befassen, bevor es nur noch sowas oder Tubenessen gibt. Die Riesenavokado vom Markt jedenfalls war immer sehr sättigend und hat baie lekker geschmeckt.

Flower and Sun

Im Gastgeberland der Fußballweltmeisterschaft 2010 beginnt die Zeit sich über allmächtige FIFA Gesetze des gesamten Events aufzuregen. So wird es schwer die Rugby und Kricket Nation zum Fußball zu bekehren, falls dies das Ziel der FIFA und seiner Hauptsponsoren sein sollte. Wie schon in den vorherigen gastgebenden Ländern, zum Frankreich und Deutschland, so auch in Südafrika, werden weite Gebiete als neutrale Zone eingerichtet. Unterkünfte aller Art, Stadien, öffentlicher Transport und die Verwendung jeglicher Symbole sind in den ausgefeilten Paragraphen der achtzigjährigen Erfahrung lückenlos beschrieben, dass sich das Mitmachen auf Ticketkauf und Kola- und Ferseherkonsum beschränkt. Man könnte meinen, ein Gastgeberland müsse sich für die Zeit der WM in FIFA-Land umbenennen, indem ausschließlich Sponsoren herrschen. Das ist ein Monopol, an dem sich die Taxi-Mafia Südafrikas ein Beispiel nehmen könnte, denn es benötigt keine Waffen zur Durchsetzung der Interessen, es gibt keine Toten. Allein mit Image und Verträgen werden alle störenden Faktoren kleingehalten. Aber im Gegensatz zu den Taxlern ist die FIFA ein kurzfristiges Arrangement. Gerade rechtzeitig vor einem kollektiven Begehren gegen sie, widmet man sich nach vier Wochen bereits dem nächsten ahnungslosen Wirt und lässt die Bevölkerung mit einem Wohlgefühl und Freude zurück, so dass auch die langfristigen Sponsoren bei jeder Gelegenheit konsumiert werden.

Road

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Viele Grüße aus Afrika! What is interesting on Southern African democratic elections?

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This blog is about countries of the Southern African Development Community (SADC) regarding societies, political parties and policies. Most interest will be spent on the countries: Botswana, Malawi, Mozambique, Namibia, South Africa and Zambia.

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