Viele Grüße aus Afrika!

April 11, 2010 at 18:04 Leave a comment

Malawi hat mit Lilongwe die kleinste und niedlichste Hauptadt der Reise. Zomba, die Hauptstadt bis in die 1970-er Jahre, mutet nochmals kleiner an, als alles vorher gesehene. Die größte nationale Verkehrsverbindung, zwischen beiden Städten, gleicht einer schlechten deutschen Landstraße. Sehr unscheinbar und hinter sehr viel Grün lässt sich das Stadtzentrum beider Städte ausmachen. Das Regierungsviertel in Lilongwe hebt sich wenig von seinem umliegenden Areal ab und im Geschäftviertel erreichen die neuen Gebäude evtl. Baumhöhe. Zum ersten Mal sehe und fühle ich nicht nur ein wunderschönes ländliches Afrika, sondern auch eines in den urbanen Gegenden! Kein Dreck, sondern einfach nur Muttersand; keine Hektik, sondern geduldige Händler; kein Lärm, sondern Radfahrer. Die Menschen sind friedlich, freundlich, hilfsbereit und wenig aufdringlich. Auf dem Weg von meiner Unterkunft zur Stadt werde ich mindestens zehnmal nett von Wegbegleitern mit “Hi, how are you?” gegrüßt. Nur die Souvenierhändler schreien, ich solle zu ihnen rüberkommen.

Memorial

In Malawi leben die meisten Menschen so, wie es J. J. Rosseau beschreibt, allerdings heißt dies heute Subsistenzwirtschaft. Nur 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung partizipiert am überteuerten Luxus. Aufgrund der geringen Nachfrage, dem begrenzten Wettbewerb und der Bereitschaft der Ausländer zu zahlen, haben die Preise europäisches Niveau. Auf den offenen Märkten ist es freilich günstiger, aber im Vergleich zu den importierenden südafrikanischen Supermarktketten kommt man sich vor wie ein Betrüger an der frei handelnden Bevölkerung. Der starke Import liegt laut Obst- und Gemüseabteilungsleiter an der schlechten Verbindlichkeit malawischer Bauern die Waren zu liefern. Kein Wunder, wenn das Land bis zu acht Monate keinen Regen bekommt. In der Pflicht die Bauern zu fördern, sieht der Leiter weniger seine Supermarktkette als den Staat. Umso löblicher ist da die Einweihung eines Supermarktes einer deutschen Kette in Asien durch Minister Niebel, bei dem die lokalen Bauern in das Supermarktkonzept eingebunden sind.

Market

Dass die Leute arm sind, ist ihnen laut offiziellen Umfrageergebnissen bekannt und die Schönheit der Landschaft zwischen Lilongwe und Zomba mit steil emporragenden Bergen und den weiten endlosen Flächen mit einem sanften Übergang in den strahlend hellblauen Himmel kann wenig gegengerechnet werden. Es geht hier, wie so oft in Afrika, ums nackte Überleben, aber ohne Politikverdrossenheit. Die Leute sind auch nach 20 Jahren stolz zur Wahl zu gehen und nehmen an einem solchen Tag zum großen Anteil Wege auf sich, die kein Europäer für ein einziges Kreuz gehen würde. Demokratisches Verhalten verlangen sie auch von ihren Parteien, wenn diese ihre Vorsitzenden wählen. Die ehemalige Diktaturpartei strafen sie mit sinkender Gunst ab, weil der ehemalige Diktator Banda vom Parteivorsitz nicht abtreten will, nicht mehr kann oder nicht braucht. Auf der anderen Seite zweifelt das Überbleibsel der ersten demokratisch legitimierte Regierungspartei nicht nur das jüngste Wahlergebnis an, sondern auch die Ergebnisse für die eigene Legitimation dreimal zuvor. Im Gegensatz zu anderen Ländern des südlichen Afrikas sei es in Malawi Brauch, Wahlergebnisse nicht offiziell anzufechten. Das Argument ist so wenig innovativ wie die derzeitige Regierung, die sich fast ausschließlich aus ihren Vorgängern rekrutiert hat. Ein Aspekt ist dennoch auffällig: Mit der neuen Partei scheint eine nationale Partei gegründet zu sein, die sich nicht nach den künstlichen kolonialistischen geographischen Einheiten Nord, Zentral und Süd abgrenzen lässt. Die neue Opposition beklagt schwindende Wählerzuneigung und nennt fehlende Finanzkapazitäten als Grund, so wie schon einige andere Oppositionsparteien in anderen Ländern. Hinzu kommt die einseitige Unterstützung der Regierungspartei durch die chinesische Führung. Allerdings geht der Oppositionschef genauso wie ich davon aus, dass er das Geld erhalten würde, wenn seine Partei an der Regierung wäre, obwohl man traditionell Taiwan zugeneigt ist. Es liegt vielleicht an der politischen Kultur Chinas sich nur mit der Spitze zu befassen und weniger mit den demokratischen Anhängseln, was das ohnehin komplexe Politikerleben durchaus vereinfacht.

University of Malawi

Die Rollen der internationalen Bevölkerung in Liliongwe sind klar verteilt. Die Deutschen Organisationen beschäftigen sich mit der Demokratie und Aufbauprojekten im Land, die US-Amerikaner kümmern sich um die Gesundheit und Ernährung der Bevölkerung, und die Chinesen machen Geschäfte mit der Regierung. Der bulgarische Botschafter und sein Begleiter von der bulgarischen Handelskammer haben auch schon bei der malawischen Handelskammer angeklopft.

On the Road

An einem Monument treffe ich auf einen chinesischen Bauingenieur, der auch in Mosambik Erfahrung sammeln konnte. Er ist der erste und einzige Chinese von mehreren Millionen in Afrika, den ich persönlich spreche und er erzählt, dass man als Chinese gleich bei der Einreise von der Polizei angebettelt wird, weil die Bevölkerung denkt, als Chinese komme man immer mit  einem Sack voll Geld der Regierung ins Land. Seit einem Jahr ist der Bauingenieur schon hier und konnte seine Familie in Shanghai einmal besuchen. Für deutsche Expats wäre dies ein absolutes No-Go. Er ist froh, wenn das als sehr dringliche eingestufte Bauprojekt des neuen Parlaments im April ein Ende hat und er zurück nach Hause kann. Das Vorhaben wird zu 80 Prozent von der chinesischen Regierung gespendet. Die Gesamtkosten von 40 Millionen US-Dollar versprechen state-of-the-art-regieren oder bieten zumindestens das Umfeld dafür. Die Spende ist eine Honorierung für den offiziellen Abbruch der Jahrzehnte wehrenden guten diplomatischen Beziehungen mit Taiwan während der pro-westlichen Diktaturzeit und bis 2005 sowie für die erworbene Tabakkonzession. Bisher wurde noch kein chinesisches Wort über die geringfügig vorhandenen Aluminiumvorkommen verloren, aber man denkt, es ist nur einen Frage der Zeit und des chinesischen Bedarfs bis zur Abbaulizenz. Wieder einmal beklagt die einheimische Bevölkerung, dass die Chinesen glauben, sie könnten für Geld alles kaufen und die Presse beklagt die 7-Tage-Arbeitswoche für die Bauarbeiter. Der Ingenieur mag nicht gerne über Politik reden, aber er meint, es sei ein Missverständnis. Mit dem Know-How der einheimischen Arbeiter ist er nicht zufrieden. Wie so oft in der Arbeitswelt werden Arbeitgeber und Arbeitnehmer unzufrieden, wenn die gegenseitigen Erwartungen nicht erfüllt werden.

Market on the Road

Bei Käufern und Verkäufern chinesischer Billigprodukte sind die gegenseitigen Erwartungen erfüllt. Allen ist bekannt, dass die chinesischen Artikel nicht lange halten, dennoch werden sie gekauft. Vereinfacht gesagt: es ist das alte Lied von Angebot und Nachfrage mit dem auch eine amerikanische Medizinstudentin Bekanntschaft macht. Der neue Tauchsieder war schon vor dem ersten Gebrauch defekt und wurde auf dem 7-Tage-Wochenmarkt erworben.

Wheel Change on the Road

Die Fußballweltmeisterschaft 2010 ist von Malawi so weit entfernt, wie der Vatikan in Rom. Nicht, dass die Leute hier wenig gläubig wären als anderswo in der Region. Ganz im Gegenteil: Ostern wird ausgiebig zelebriert und in den Büros läuft “Jesus loves you!” rauf und runter. Die Nachricht vom katholischen Skandal in Deutschland und Irland ist, zwei Monate nachdem der Vatikan lichterloh brennt, als kleiner Funke angekommen. Die südafrikanische Sunday Times bettet den Skandal in die Beschreibungen der Osterprozessionen in Spanien auf Seite 7 so ein, dass die christliche Welt des Afrikas kaum Schaden nehmen kann. Ein Radiosender in Windhoek hatte sich vor wenigen Wochen auf die Verkündung der katholischen Konsequenzen in Irland als Randnotiz beschränkt. Für die Attentate in Moskau hat niemand Verständnis, weder die muslimische Bevölkerung noch die abendländisch geprägte Bevölkerung und schon gar nicht mein chinesischer Freund. Wenn man das religiöse Miteinander in den Ländern im Südlichen Afrika betrachtet und schweizerische sowie deutsche Debatten reflektiert, bekommt man den Eindruck, das Abendland könnte ein Aufbauprojekt finanziert von der SADC zum besseren religiösen Miteinander vertragen.

Skyline

Nachrichten über die hauseigenen Politikerskandale nehmen entgegen der Kirchenskandale ihren Lauf über mehr als die üblichen drei Wochen. In Südafrika ist die Malema-Welle auf ihrem Höhepunkt angekommen. Mit gerademal 29 Jahren ist er Chef des Jungen ANC und singt in der Öffentlichkeit Anti-Apartheid-Lieder wie “Shoot the Boer”, was mittlerweile offiziell verboten ist. Es sind Lieder aus einer Zeit, die er selbst nicht miterleben musste. Nachdem die ANC Elite lange stillgehalten hat, ist in der letzten Woche der Präsident Zuma an die Öffentlichkeit getreten und hat das Verhalten kritisiert, nachdem zwei Hausangestellte ihren Arbeitgeber, niemanden geringeres als den Afrikaansführer, niedergestreckt haben. Er habe sie schlecht behandelt, zunächst aber lag der Verdacht nahe, Malemas Propaganda würde solche Taten begünstigen. Eine Intervention gegen Malemas Historienverfälschung, Kameradenmissachtung und sein Rassismus soll es wohl seitens Nelson Mandela gegeben haben. Ein Teil der schwarzen Bevölkerung ist dabei sich fremdzuschämen und der ANC hat ein internes Verfahren gegen Malema eingeleitet.

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This blog is about countries of the Southern African Development Community (SADC) regarding societies, political parties and policies. Most interest will be spent on the countries: Botswana, Malawi, Mozambique, Namibia, South Africa and Zambia.

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