Hitzefrei für alle am Indischen Ozean!

March 17, 2010 at 17:58 Leave a comment

Auf der Avenue Vladimir Lenine Ecke Avenue Mao Tsé Tung rauschen mit viel Getue der Polizei die Präsidentenkarossen an mir und vielen anderen Staugenossen vorbei. Es sind fünf der größten Limousinen, die Mercedes-Benz zu bieten hat. Eine davon ist nicht besetzt. Vielleicht für den Fall, dass ein Fahrzeug in einem der tiefen Löcher stecken bleibt. Ich glaube, selbst ein Mercedes-Benz kann diese Schlaglöcher nicht kompensieren. In Botswana hat man sich für die günstigeren Vergleichswagen aus München als Staatskarossen entschieden. Aus Kostengründen wurde mir vom Chauffeur erzählt, der sicher nicht den besten Einblick in die Regierungsfinanzen und Geschäftsgebaren deutscher Fahrzeugbauer hat (gerade erst wurde Mercedes wegen Sidekicks zu 182 Mio. USDollar an die SEC verpflichtet). Was der Präsident wohl denken mag, wenn er durch die Straßen schaukelt und sich gerade angespannt Richtung Fahrer beugt? Von konzentrierter Arbeit im “rollenden Büro” kann jedenfalls keine Rede sein. Ich habe die gleichen Probleme und zusätzlich eine fehlende Klimaanlage. Vielleicht denkt der Präsident in seiner Schaukel daran, was er alles Schönes in seiner Zeit geschafft hat oder was noch zu tun ist oder welche Straße in Maputo und anderswo in Mosambik mal nach ihm, Armando Guebuza, benannt werden wird. Oder denkt er daran, dass alles einen Tick schneller gehen könnte, wenn  die westlichen Geberländer nicht, verärgert über die Wahlmanipulation, einen empfindlichen Teil der Finanzhilfen gestrichen hätten. Aber man kann die Karte “Westen versus China” spielen oder die Weltbank hilft mit günstigen Krediten aus.

Portugese Memorial

Die höheren Positionen der Institutionen sollen mit dem Parteibuch durchzogen sein und das macht die Arbeit für die internationalen Organisationen mit wirtschaftlichen, sozialen oder politischen Projekten schwerer. Bei den jüngeren Leuten hat sich das Parteiprinzip (noch) nicht durchgesetzt. Auch mir, dem plötzlichen Eindringling, begegnet ein sehr zurückhaltender Informationsfluss. Zum ersten Mal scheinen Parteiprogramme top secret zu sein und ich werde vertröstet oder wie im alten Rom von A nach D mit handgeschriebenen Briefen zurück nach A geschickt. Bei einer Partei soll das Archiv abgebrannt sein. Aber es gilt die alte afrikanische Weisheit: Der Informationsfluss findet seinen Weg! Bei der Übergabe einiger für mich wichtiger Dokumente durch einen meinerseits geheimen Kontakt an der Universität komme ich mir vor wie James Bond nur etwas unprofessioneller. Ich warte mit leuchtend blonden Haaren und einem weißen Shirt mitten auf einer Kreuzung, damit mich ja niemand übersieht. Als mein Kontakt das Programm einer der Vertröster-Parteien zeigt, bin ich entsetzt und denke, es muss der Partei RENAMO eher peinlich sein lediglich ein paar Stichpunkte auf vier Seiten auszuhändigen. Kein Wunder, dass die Partei nach unten sackt. So wenige Gedanken über das eigene Land kann man sich eigentlich nicht machen.

Cost line

Nach Tagen mit fast unerträglicher Hitze, regnet es in der Nacht auch gerne mal und das gibt vielen den Freiraum am nächsten Morgen einfach zu Hause zu bleiben. Es wird weder Geld fürs Parken abverlangt oder gar Spiegel, Scheiben und/oder je nach verfügbarer Zeit Lampen abmontiert. Um dies auch an sonnigen Tagen oder grauen Nächten zu verhindern, werden alle Anbautteile mit dem Autokennzeichen tätowiert. Firmenwagen erhalten zusätzlich Nieten im Corporate Schriftzug in die Seitentür. Die Parkgebühren an inoffizielle Eintreiber zahle ich zunehmend ungern oder gar nicht, so dass es schon mal vorkommt, dass das Kleingeld zurückgeworfen wird. Den ehrbaren Pfennig gabs hier nie, dafür aber Meticais, gesprochen Medi-Cash. Die Geldscheine sind nicht mehr so löchrig wie noch vor 5 Jahren, als ich das erste Mal hier war. Auch die damals schon zerfallenen portugiesischen Kolonialhäuser in der Nähe des Hafenbeckens gibt es nicht mehr. Sie sind einem Einkaufspalast gewichen, erbaut von einem reichen Unternehmer und guten Freund des Präsidenten. Die Bauten der kommunistischen Ära von 1975 bis 1990 lassen sich wahrscheinlich nicht so schnell wegreisen und übertreffen die Settler-Bauten in Windhoek in Größe und schmuddeligen Charme bei Weitem.

Colonial style house

Das Straßenbild ist von Händlern geprägt, die, so scheint es, ihre Ware größtenteils aus umgefallenen LKW beziehen oder, wie erwähnt, den Inhalt umstehender Autos weitervertreiben. Was in Deutschland die Dönerbuden sind, sind hier die Hamburgerstände in unterschiedlicher Form. Mal sind es umgelegte Blechdosen, mal Wellblechhütten. Ich bestelle einen “Hamburger Complete”, also auch mit einem Spiegelei drauf, das vorher den ganzen Tag in der Sonne gebrütet hat. Zum Glück gibt es keine Magenbeschwerden.

Hamburger Store

Das Leben in der Stadt gibt das Afrikaklischee wieder, wie wir es gewohnt sind: laut, stinkend, schmutzig. Das fällt sogar den Einheimischen auf und sie hoffen, dass es vorangeht – wenigsten „slowly, slowly“ und umrunden die schlammigen Straßenpfützen. Andere haben sich daran gewöhnt oder kennen es nicht besser, stellen sich auf einen Baumstumpf und geben den Rest ihrer Blase gleich noch mit ins Regenwasser der Vornacht.

Individual Market

Deutsch alle Leute! Überall im südlichen Afrika treffe ich auf Deutsch. Einerseits Deutsche mit deutscher Herkunft und andererseits deutschsprachige lokaler Herkunft. An der Westküste Afrikas in Namibia sind es die sogenannten Swapo-Kinder aus dem Norden Namibias nahe der angolanischen Grenzen. Sie sind Waisen, die während des Krieges zwischen den südafrikanischen Verwaltern und Angola mit der Unterstützung aus Kuba in den achtziger Jahren in die “DDR” gebracht wurden, um fern der Front in Ruhe aufzuwachsen. In Mosambik gibt es derer ebenfalls mehrere Tausend Waisen, die ihre Eltern während des Bürgerkrieges zwischen den beiden heutigen politischen Parteien Renamo und Frelimo verloren haben. Und der Bildungs- und Wirtschaftsaustausch an Universitäten und Fabriken der VEB zwischen Mosambik und der “DDR” hat bis zu 20.000 deutschsprechende Mosambikaner hervorgebracht. Ein Teil hat nach 1990 das Angebot angenommen in Deutschland zu bleiben und steht seither am Fließband bei BMW, verdingt sich in irgendwelchen Häfen oder ist arbeitslos. Ein anderer Teil hatte sich für die Rückkehr entschieden und arbeitet zum Beispiel für deutschnahe Institutionen und Behörden. Die Ungewissheit in der dahinbröckelnden “DDR” und später der aufflammende Rechtsextremismus der neunziger Jahre war keine leichte Zeit und keine gute Erfahrung für sie. Auf dem heimischen Arbeitsmarkt beklagen einer, aufgrund der Auslandserfahrung nicht willkommen zu sein.

Max Wild and Band

Am Abend findet ein Konzert einer international zusammengewürfelten Combo statt. Es ist ein Projekt, das im südlichen Afrika auf Tour ist und später Auftritte in Europa haben wird. Die Musiker von Chiwoniso & Max Wild sind aus Zimbabwe, Dänemark und New York. Ihre Musik ist eine sehr gelungene Kombination aus Jazz und afrikanischen Rhythmen mit gewaltigen Stimmen. Das Haus ist ausverkauft und nach 10 Minuten stimmt etwas mit dem Mikrofon nicht. Generalsentschuldigung  der deutschen Organisatoren: “Das ist Afrika!” Aber Afrika kann nichts für die technische Herausforderung. Die Musiker entschuldigen sich weniger herablassend. Pflichtgemäß wurden nicht nur die Botschafter der USA, Deutschland und Zimbabwe eingeladen, sondern auch die Polizei zum Bewachen der Besucher und der Verkehrswege. Prompt will mir einer erzählen, ich hätte eine durchgezogene Linie überfahren und nun wolle er meinen Führerschein sehen. Leider konnte ich keine durchgezogene Linie finden, da kommt auch schon ein zweiter und klärt wahrscheinlich über diplomatische Nachsichtigkeit auf. Ich verstehe leider kein portugiesisch und nehme meinen “Rosa Lappen” wieder zurück. Das habe ich auch schon sehr leger bei dem Polizisten gemacht, der mich fürs rechts Abbiegen angehalten hat und meinte, das wäre nicht erlaubt. War es aber und eigentlich meinte er, ich hätte die Lücke zwischen zwei Fahrzeugen nicht so geschwind nutzen dürfen und schon gar nicht mit einem südafrikanischen Nummerschild und blonden Haaren, wie ein weniger beliebter Afrikaans.

Mosque

Auf der schnurgeraden Straße von Maputo nach Pretoria geht es wieder rauf vom Lowveld zum Highveld, von der Küsteneben auf 1500 Meter, und die Landschaft lässt erahnen, welchen Kraftakt es die Voortrekker um 1830 gekostet hat, die Felsen zu überwinden. Mir fällt die Anstrengung nur am Benzinstand auf – abwärts braucht man nicht so viel. Das Elands Valley, direkt überzetzbar mit Elendstal, macht auch heute noch seinen Namen alle Ehre. Zu sehen sind schreckliche Autounfälle, bei denen natürlich auch immer mindestens ein Taxi involviert ist. In Mosambik werden die Minibus-Taxen Chubb Chubb genannt und in Südafrika Black Taxi. Black Taxi heißen sie entweder, weil nur die schwarze Bevölkerung mitfährt oder weil sie keine Steuern zahlen. Das System hat Mafiastrukturen und wehrt sich vehement gegen die Einführung eines ausgedehnten öffentlichen Transportsystems. Morde an Busfahrern gehen auf das Konto der Taxifahrer und Überfälle auf Bushaltestellen sind an der Tagesordnung. Wenigstens sind mehr und mehr neue Minibusse auf den Straßen zu sehen, die von ihren Fahrern in jeder freien Minute gepflegt und gewaschen werden. Bei den alten Modellen versagen üblicherweise die Bremsen und im schlimmsten Fall geht es dann am Fountain Circle in Pretoria die Böschung bergab, nur noch gestoppt durch einen Baum. Weniger spannend für die Insassen, aber ebenso gefährlich, ist die Situation mit fehlenden Rückleuchten in tiefdunklen Nächten ohne Straßenbeleuchtung unterwegs zu sein.

People

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It is my destination, but certainly not a pleasant city… Viele Grüße aus Afrika!

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This blog is about countries of the Southern African Development Community (SADC) regarding societies, political parties and policies. Most interest will be spent on the countries: Botswana, Malawi, Mozambique, Namibia, South Africa and Zambia.

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