Hektische Zeiten in Windhoek

March 8, 2010 at 17:53 Leave a comment

Die Hauptstadt von Namibia, Windhoek, liegt sehr ruhig umringt von derzeit grünen Bergen. Wer im Land sonst noch was mitbekommt oder gar interessiert ist an Politik und seinen Auswüchsen, lässt sich schwer einschätzen. Bei der Einwohnerdichte in diesem Flächenland scheint dies auch sehr irrelevant zu sein. Hektische Zeiten in Windhoek sind es vor allem für die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS), die dem märchenhaften Wahlergebnis in 2009 akribisch nachgeht. Nicht umsonst sitzt die Electoral Commission Namibia (ECN) am Ende der Grimmstraße und muss sich einer Klage widersetzen. In anderen Ländern werden solche Institute auch Independent Electoral Commission genannt, was hier nicht so sehr der Fall zu sein scheint oder nur “sort of independent”. Regierungspartei-Anhänger der Swapo freuen sich sehr darüber, wenn eine Verfassungsklage gegen die ECN abgewiesen wird, obwohl die Swapo “gar nicht” involviert ist. Die ECN gehörte noch bis März zur Regierungsinstitution der National Planning Commission (NPC). Der Büroleiter der KAS jedenfalls war samt Familie für kurze Zeit außer Landes, um mit dem Bundestagspräsidenten und der restlichen KAS Rücksprache zu halten. Nach kurzem Zögern, versichert er, vollen Rückhalt aus Deutschland zu haben. Durchweg alle Zeitungen – einschließlich die deutschsprachige “Allgemeine Zeitung”, auf dem Niveau einer Hessische Nachrichten oder Leipziger Volkszeitung nur dünner, berichten eher über die Quasi-Opposition KAS als über die Oppositionsparteien. Es scheint, ein weiterer Deutscher macht sich einen großen Namen in Namibia. Die diplomatischen Wogen glätten sich langsam, aber den 20. Jahrestag der Unabhängigkeit werden die Klagebefürworter und Gegner nicht gemeinsam begehen. Drei Oppositionsparteien haben am Freitag zuvor ihre Sitze im neuen Parlament verweigert bis ein Urteil vom obersten Gericht gesprochen ist. Das bisher nicht verlangte, aber angekündigte schriftliche Gutachten der Regierungspartei zu den Wahlungereimtheiten lässt auf sich warten und sollte den Vorschlag beinhalten, die elf freien Oppositionssitze erneut zur Wahl zu stellen. Diese Idee ist so abwegig wie die hauseigene Begründung eine Großzahl der Wähler hätte es sich auf dem Weg von der Wahlkabine zur Wahlurne noch einmal anders überlegt und mit einem weiteren Kreuz den Zettel ungültig gemacht, ohne die Konsequenzen des Handelns zu kennen. Ein solch ungebilderter Wähler könnte der Bildungspolitik der Langzeitregierunggspartei angelastet werden und daher scheint es sinnvoll, sich noch ein wenig Zeit zu nehmen und das Verfahren vom scheinbar unabhängigen Gericht verschleppen zu lassen.

Church of Windhoek

Südafrika gilt als die wirtschaftliche Lokomotive der Region Südliches Afrika. Politisch sah dies bislang anders aus. Die National Planning Commission als ministerienbeigeordnetes Instrument für gesamtheitliche Planung wurde zuvor in Namibia eingeführt. Einerseits kann das daran liegen, dass Namibia vier Jahre früher als sein Nachbarland und ehemaliger Verwalter demokratisiert wurde und somit einen leichten Transformationsvorsprung genießt. Andererseits lässt ein möglicher Machtverlust durch Zentralisierung aufhalten, denn die Regierungspartei Swapo erlebte einige Jahre früher, was kürzlich dem südafrikanischen ANC auch passieren sollte: zunächst Parteiabspaltungen im kleinen Stil und dann im größeren gleichfalls bedrohlicherem Ausmaß. Da sollte man sich schon etwas einfallen lassen und nur Bleistifte für das Kreuz auf dem Stimmzettel zulassen. Bleibt zu hoffen, dass das Land und die pubertäre Demokratie nicht abrutscht, sondern weiter fleißig lernt.

Katutura Township

Windhoek ist bizarr. Es fühlt sich an, wie eine Reise zurück in eine längst vergangene Zeit. Es fühlt sich an, als hätten hier Bismarck, Daimler und Krupp noch was zu sagen, wenngleich letzterer auf den Straßenschildern verblasst ist. Seit 1990 müssen sie sich die Wegweisung mit den Freiheitskämpfern Fidel Castro und Robert Mugabe und Hans-Dietrich Genscher teilen. Wie festgeklebt und unveränderbar wirkt diese kleinen Stadt, in der nur deshalb Hochhäuser stehen, weil es eine Hauptstadt ist und nicht, weil sie hierher passen würden. Aber die Settler-Oligarchen aus Südafrika haben sie nun mal erbaut. Während die schmutzig anmutenden Gebäude in Südafrika seither in den Hintergrund treten und neue moderne Bürotürme in den Vordergrund, läuft dies in Windhoek alles ein wenig langsamer. Auch gibt es hier keine Innenstadtverlagerung hin zu den immer gleichen Malls. Am Morgen wird man beim Bäcker freundlich auf Deutsch gefragt, womit man helfen könne und einige Tage später kann sich der Ladenbesitzer neben der Luisenapotheke mit dem “roten A” im Fachwerkhaus sogar noch an mein Gesicht erinnern.

KFC and UN Kindergarden

Vielleicht sind es die langsamen Mühlen der Bürokratie überliefert aus den “unvergessenen ostdeutschen Provinzen”, die selbst jetzt über 90 Jahre später tief im Gemüt der breiten Bevölkerung sitzen. Für Verspätungen bei Terminen erntet man durchaus strafende Blicke – zum Glück waren es nur fünf Minuten. Es wundert, dass Südafrika dieses Gebiet lange verwaltet hat und wenig öffentliche Ordnung adaptieren konnte. Weder Parkuhrautomaten noch Bürgersteige lassen sich in Pretoria, Johannesburg oder anderswo finden. Ganz im Gegenteil, die heutige Robert Mugabe Avenue wurde nach der Übernahme durch die UN Verwaltung Südafrikas nach dem letzten deutschen Militärverwalter Müller benannt, der Windhoek ohne einen Schuss übergeben haben soll. Ich kenne kein anderes Beispiel von Erhalt der Infrastruktur und gar Ausbau “heimischer Kultur” während einer totalitären Zeit. Die deutsche Gemeinde mit etwa 2000 Bürgern entschuldigt sich für ihre Geschichte vor dem ersten Weltkrieg gegenüber den einheimischen Hereros mit, man habe „immer einen anderen, besser angepassten Blick auf die Schwarzen gehabt als Briten oder Franzosen“. Jedenfalls wurde bei der Besiedlung des Landes auf allen Seiten viel Blut vergossen.

Katutura Houses

Meine Unterkunft liegt in der Bachstraße, aber das Musikerviertel hat die schönsten Zeiten hinter sich, während es in Leipzig nach 1990 zu neuer Blüte erwachsen ist. Im Haus leben hauptsächlich deutsche Volontärinnen, die für ein Kinderheim im Township Katutura für wenige Wochen oder mehrere Monate arbeiten. Welche psychischen Torturen die Kinder im Heim zusätzlich zum Verlust ihrer Angehörigen durch den ständigen Wechsel von Bezugspersonen erleiden müssen, lässt sich kaum beurteilen. Wenigstens sehen die jungen Mädels was von der Welt und erweitern ihren Abitur geschulten Horizont.

Herero Market

Thüringen in Windhoek

Clock Tower

Tourists at Art Installation and Office Building

Lady of Windhoek

Independence Day 2010

Germans of Namibia

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In Kapstadt weht ein anderer Wind It is my destination, but certainly not a pleasant city…

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This blog is about countries of the Southern African Development Community (SADC) regarding societies, political parties and policies. Most interest will be spent on the countries: Botswana, Malawi, Mozambique, Namibia, South Africa and Zambia.

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